Das Thema

Auditive Wissenskulturen und klangliche Praxis

Die sozial- und kulturwissenschaftliche Erforschung musikalischer und anderer klanglicher Praktiken ist stets mit spezifischen Wissensformen konfrontiert, die aber zumeist nur implizit behandelt werden. Zum Beispiel unterrichtet eine Klavierlehrerin ihre Schüler in „korrektem“ Klavierspiel, verschweigt dabei aber meist, warum „man so und nicht anders spielt“. In nepalesichen Ritualen werden Götter durch Trommelprozessionen beschworen und beschwichtigt; dies funktioniert aber nur, wenn die Musiker „richtig“ spielen und keine Fehler machen. „Kennst du Lied X von Gruppe Y?“ kann in einer Jungendclique jene Frage sein, die über Inklusion oder Exklusion entscheidet.

Die Rolle, die Musik und andere Klänge in verschiedenen sozialen und kulturellen Kontexten spielen, hängt unmittelbar mit dem Wissen sozialer Akteurinnen und Akteure zusammen, welches in bestimmter Weise (re)produziert wird. Wissen nimmt dabei sowohl diskursiv verfügbare, kognitive und explizite Formen an, als auch körperlich-gebundene, praktische und oft implizite. Verschiedene kulturelle Kontexte prägen auditive Wahrnehmungen, unterschiedliche soziale Prozesse geben Schall Bedeutungen, machen ihn zu Lärm, Geräusch, Signal oder Musik. Verschiedene Disziplinen bieten hier unterschiedliche Zugänge mit ihren jeweiligen Vorzügen an, die im Symposium durch gegenseitigen Austausch gestärkt werden sollen.

Lokal und translokal geteilte Wissensvorräte beeinflussen, welche Subjekte oder Objekte als Quelle und Träger bestimmter Klänge angesehen werden: die göttliche Gabe des Virtuosen, hartes (körperliches) Training oder auch materielle und nicht-menschliche soziale Aktanten können so für unterschiedliche Klänge verantwortlich gemacht werden. In Ritualen können Götter oder Geister Musik und Gesänge "inspirieren", sie durch Menschen spielen lassen, oder gar selbst im Klang manifest werden. Teilweise werden Musikinstrumente selbst als Personen betrachtet, die mitbestimmen wie sie gespielt werden. Manchmal diktieren aber auch Maschinen Klangqualitäten und Spielweisen, man denke an übersteuernde Gitarrenverstärker oder Sampledatenbanken. Verschiedene subkulturelle Szenen bilden sich um spezifische Verständnisse von Musik heraus.

Auditive Wissenskulturen umfassen die Produktion, Distribution und Anwendung klanglichen Wissens und machen Schall und Klänge zu Trägern spezifi scher Bedeutungen, die an ein bestimmtes Verstehen gekoppelt sind und auch in ihrer Erzeugung mit bestimmten Kompetenzen verbunden sind. Klänge dienen zur Heilung, dem Erkenntnisgewinn, oder als Warnung vor Gefahren, zur Konstruktion von Identitäten oder zur Vertreibung unerwünschter Subjekte. Auditives Wissen ist somit in Machtverhältnisse integriert und auch mit der Produktion und Reproduktion sozialer Ungleichheitsverhältnisse verbunden.

Auditives Wissen ist mit sozialen Machtverhältnissen verbunden. Die Autorität, solche Regulative und Bedeutungen zu vermitteln oder auszuführen, oder gar in sie einzugreifen steht beileibe nicht allen offen. Besagte Kompetenzen, die stets in engem Zusammenhang mit sozialen Differenzierungen wie Klasse, Geschlecht, kulturelle Identität oder auch Alter stehen, spielen hier eine wichtige Rolle. Machtverhältnisse werden in verschiedenen Teilen der Welt und in unterschiedlichen Milieus andersartig begründet und kommuniziert und resultieren in jeweils eigentümlichen Klangformen.

Im interdisziplinären und internationalen Symposium „Auditive Wissenskulturen: das Wissen musikalischer Praxis“ wird ein explorativer Austausch zwischen verschiedenen Zugängen aus Kultur-, Geistes-, und Sozialwissenschaften stattfinden, wodurch auditive Wissenskulturen aus unterschiedlichen Perspektiven vorgestellt, verglichen und diskutiert werden können.

 

 

Ear.
© 2008 Joey Rocket