Babak Nikzat

Ethnomusikologie als Wegweiser zum Musikleben von Menschen

Als ich noch im Iran lebte, wo ich geboren und aufgewachsen bin, begann ich mich für Musik und ihre Bedeutung für den Menschen zu interessieren. Auslöser dafür war die damalige politische Situation im Iran, denn nach der iranischen Revolution war es aus religiösen und politischen Gründen strikt verboten, zu musizieren. Damals war ich aktiver Musiker und somit direkt von diesen einschneidenden kulturpolitischen Maßnahmen betroffen. Immer wieder fragte ich mich, warum manche Menschen solche Angst vor der Musik hatten. Welche Kraft steckt hinter der musikalischen Aktivität, dass Menschen glauben, sie verbieten zu müssen? Für mich lag der Fokus nun vermehrt auf der Bedeutung von Musik.

Allmählich verbesserte sich die Situation im Land für Musiker*innen wieder und schließlich konnte ich sogar ein Instrumentalstudium (Querflöte-Konzertfach) an der Azad-Universität in Teheran absolvieren. Das war für mich insofern interessant, als ich nun mit einer westlichen, also einer „fremden“ Musikkultur in Berührung kam. Diese Erfahrung veränderte den Blickwinkel auf meine „eigene“ Musiktradition. Während meines Studiums hatte ich jedoch stets den Wunsch, „mehr“ über die Musik und deren kulturelle Bedeutung zu erfahren, doch wurde zu dieser Zeit kein Studium der Ethnomusikologie angeboten. Aus diesem Grund beschloss ich, in Österreich Musikologie zu studieren.

Im Laufe des MA-Studiums führte ich, vollbepackt mit all dem neuen Wissen, eine Feldforschung im Iran, oder besser gesagt „field work at home“-  durch. Während meiner Feldforschung sah ich mich sogleich mit meinem eigenen „shadow in the field“ konfrontiert und musste mit einer schwebenden Position als „insider“ und „outsider“ zurechtkommen. Durch diese Herausforderungen konnte ich wertvolle Erfahrungen sammeln und reflektierte meine eigene Position als Forscher.

In meiner Studie  konzentrierte ich mich auf die persische Gesangstradition šarve aus Bušehr (im Südiran) und erforschte sie in ihrem kulturellen Kontext. Diese ethnografische Studie war die Basis meiner Masterarbeit, in der ich diese Musikpraxis aus einem musikanalytischen sowie auch anthropologischen Blickwinkel untersucht habe.

Nach Abschluss meines MA-Studiums hat mich weiterhin die Frage nach den soziopolitischen Aspekten von Musik im Iran beschäftigt, denn es gibt weiterhin Musikgenres, die offiziell von Regierungsseite verboten sind. Besonders ein Musikgenre wollte ich näher für mein PhD-Projekt untersuchen: „pāp-bandari“, eine hybride Musikform, die die Elemente eines traditionellen Musikgenres mit westlicher Popmusik verbindet. Trotz staatlicher Unterdrückung spielt dieses Genre eine wichtige Rolle für viele Iraner*innen im Iran wie auch im Exil, da es für sie eine identitätsstiftende Rolle hat. Nachdem „pāp-bandari“ als hybride Form hauptsächlich im Studio produziert wird, wurde „das Studio“ zu meinem neuen Feld. Die ethnografische Untersuchung und die musikalische Analyse dienten dabei als Basis für meine Interpretationen in meiner Dissertation.

Aktuell bin ich Teil eines interdisziplinären FWF-Projektes, dass sich auf die Erforschung von Sprache und Musik von arabischen Minderheiten im Südiran konzentriert. Als Angehöriger des Instituts für Ethnomusikologie an der KUG darf ich diesen spannenden Weg sowohl als Forscher als auch als Lehrender weiterverfolgen.