FWF – Irish Folk in Österreich: Umgangene nationale Identität (Felix Morgenstern)

Seit längerem beschäftigen sich diverse ethnomusikologische Forschungen mit der transnationalen Verbreitung von irischer Musik. Viele der bisherigen Untersuchungen fokussieren sich jedoch hauptsächlich auf die Rezeption dieser Musik in anglophonen Diaspora-Kontexten und haben erst vor relativ kurzer Zeit begonnen, sich auch mit den immer stärker wachsenden irischen Musikszenen außerhalb der Diaspora, wie in Mitteleuropa, zu befassen. Ziel dieses Forschungsprojektes ist es, durch Interviews mit Mitgliedern der traditionellen irischen Musikszene Österreichs (und deren Zuhörerschaft) zu ergründen, inwiefern sich die translokale Praxis und Rezeption von Volksmusik mit den Traumata des extremen Nationalismus in der modernen europäischen Kulturgeschichte auseinandersetzt. Anhand ethnographischer Feldforschungen und historischer Analysen wird darüber hinaus untersucht, wie sich komplexe performative und diskursiv-geprägte Vorstellungen von irischer Identität in der österreichischen Gegenwart widerspiegeln. Besonders im Hinblick auf die aktuellen Entwicklungen von Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit in Europa soll dadurch ein besseres Verständnis der globalen ‚Polyphonie‘ von Nationalismen (Bohlman 2004) vermittelt werden.

„Inwiefern bietet die performative und diskursive Affinität von österreichischen Künstlern und deren Publikum mit irischer Folkmusik eine alternative kulturelle Identität zu einheimischen Volksmusiktraditionen?“ Mit dieser sozial- und politikwissenschaftlichen Fragestellung nähert sich das Projekt der vielschichtigen Thematik. Darüber hinaus wird hinterfragt, ob und in welcher Form sich Identitätsmerkmale wie race/whiteness, class und masculinity, die aktuell die Zugehörigkeit zur internationalen irischen Musikszene immer stärker beeinflussen (Slominski 2020), im österreichischen Kontext widerspiegeln oder dort bestritten werden. Abschließend soll untersucht werden, mit welchen klanglichen Charakteristika österreichische Musiker andere Parameter ihrer sozialen Praxis, wie die Perfektionierung irischer Spieltechniken und deren Authentifikation, definieren.

Projektteam: Felix Morgenstern (Projektleiter), Kendra Stepputat (Mentorin)